Die Rache ist süß

Viele unserer Briefträger haben Angst vor Hunden. Dieses verständliche Verhalten ist ziemlich logisch, da die meisten der hiesigen Vierbeiner es lieben, Briefträger zu hassen. Um dies besser zu erklären, lasst mich mal von Brendel erzählen.

Brendel war ein tibetanischer Terrier mit einem Temperament, das der Gutmütigkeit seines berühmten Landesgenossen Dalai keinermassen ähnlich war - er glich vielmehr einem bösartigen Lama von der anderen Seite unseres kleinen Planeten. Brendel liebte es auf Anblick anzugreifen, was zur Folge hatte, dass er sehr oft und sehr kräftig in die hinteren Regionen getreten wurde. Nachdem ein kräftiger Tritt ihn an seine kleine Größe erinnert hatte, liebte er seinen Angreifer, so dass er sich nach und nach in einen Hund verwandelte, der seine Feinde liebte - eigentlich genau so wie der Dalai.

Es gab da einen Briefträger, der eine pathologische Angst vor Hunden hatte und mit Knüppel in der einen und furchdurchtränkten Briefen in der anderen Hand von Haus zu Haus schlich. Eines Tages muss er sich gerächt haben, denn man fand Brendel halb ohnmächtig, eine kurze Zeit nach der ersten Lieferung, mit einer großen, schmerzhaften Beule auf dem Kopf.

Es war sehr lustig, den Täter und das Opfer des nächsten Tages zu beobachten.  Sobald der Briefträger den Hund sah, weigerte er sich das Grundstück zu betreten und versteckte sich hinter einer Mauer während Brendel, sobald er den Postboten sah, sich hinter dem Haus versteckte. Es war schwer zu entscheiden, wer sich mehr fürchtete - der Hund oder der Briefträger.

Diese kleine Einleitung dient nur, um das hiesige Gleichgewicht der Mächte  zu erklären. Old Tudor hasste den Briefträger aus aller Seele, aber er war klug genug, ihn nicht zu beißen. Sobald der Feind sich näherte, räumte Tudor das Feld bis zum Briefkasten - verteidigte aber den Rest des Gebietes mit seinem Leben. Ein lautes Bellen verkündete der Welt, was er tun würde, sollte es zu einer Grenzüberschreitung kommen.

Dieser ungeschriebene Vertrag wurde von beiden Mächten  streng eingehalten - bis auf einmal ein neuer Mann den Job übernahm. Er war viel jünger und hatte seinen eigenen, schlauen Trick entwickelt - er bekämpfte Feuer mit Feuer, denn er wurde immer von seinem eigenen Hund begleitet, ein großes braunes Tier - Nachkomme einer langen Reihe frei denkender Eltern und unzähligen Rassen.

Während der Mensch die Briefe einwarf, raste der Hund durch den Garten wie ein Verrückter, hinterließ zahlreiche flüssige Beleidigungen an wichtigen Stellen des Gebietes, und floh dann mit beachtenswerter Geschwindigkeit durch eine Lücke in der Hecke.


Old Beaky the border collie

Am Anfang wurde Tudor total überrumpelt. Er konnte die Frechheit des fremden Hundes nicht begreifen, fing aber bald an ihm nachzustellen, sobald der sich sehen lies. Der Posthund war aber so schnell wie tausend Gazellen und entkam immer durch unsere löcherige Hecke.

Während der nächsten Tage wiederholte sich dieses kleine Spiel jeden Morgen und ich merkte, dass Tudor mit jedem Tag um ein paar Grad frustrierter wurde. Er verbrachte den ganzen Morgen damit, auf der Lauer zu liegen, und sobald der Hund erschien, ihm nachzujagen. Es half aber alles nichts, der Posthund war zu schnell, denn sobald Tudor ihm zu nahe kam piff ich, und er musste zu mir kommen und den Feind widerstrebend entkommen lassen.

Dann kam der große Tag! Der Postbote erschien um zehn, sein Hund raste wie üblich durch den Garten, ich rief Tudor zurück, um ihn vor einer Mordanklage zu schützen, und der vierbeinige Feind rannte in Richtung Hecke und die Sicherheit der dahinter liegenden Gasse. Aber diese Mal blieb er stecken! Sein Kopf war in Sicherheit, aber sein Hinterteil war noch immer in unseren Garten - Hintern, Schwanz wild krabbelnde Beine und was sonst noch.

Dies war zu viel für Tudor! Eine solche Gelegenheit kann man einfach nicht verpassen. Er rannte in Richtung Hecke mit dem Maul voll Erwartung schon weit offen. Je näher er dem zappelnden Ziel kam, um so weiter öffnete sich der Rachen und er glich dem riesigen Haifisch in einem berühmten Film. Ich glaube, ich sah sogar Feuer und Rauch herauskommen! Ein letzter Sprung, er griff den Posthund beim Hinterteil und schloss die Zähne mit einem befriedigenden 'schnapp'. Tudor war nicht die Art von Hund, der ums Leben willen hängen bleibt. Nein, er spuckte ein paar Kilo Haare aus und biss wieder zu.  Dies wurde von einem Schreckensschrei der Gassenhälfte des Hundes gefolgt.Wie oft Tudor zum beißen kam, weiß ich nicht mehr, aber der Gegner hatte schon fast eine Glatze.

Ich fluchte, Tudor knurrte wie ein Wolf, der Briefträger beschwerte sich mit lauter Stimmer, der Briefhund schrie 'jaiks' mit noch lauterer Stimme und, mit der extra Energie, die alle Kreaturen haben, wenn es ihnen an den Kragen geht, brachte es endlich fertig durch die Hecke zu krabbeln. Beide Hunde verließen den Tatort total erschöpft - Tudor mit einem Maul voll Fell, hochgehaltenen Schanz und einem triumphalen Ausdruck im Gesicht - der Posthund mit weit weniger Zuversicht.

Am nächsten Tag zur gleich Zeit kam der Briefträger allein - der Hund war weit und breit nicht zu sehen.


 
 

Hundsgeschichten

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Tudor with sign
Eine stachelige Geschichte

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