Die Knallerei mit B2

 
Den Tag an dem sie B2 in Betrieb nahmen, werde ich wohl mein Leben lang nicht vergessen.

Wenn man aus Naphthalin Azetylen machen will, produziert dies erstaunliche Mengen von schmutzigen, stinkenden, zähflüssigen, schrecklichen Teer. Das Zeug bleibt an allem und jedem stecken und taugt zu nichts - noch nicht mal zum Straßen bauen. Damals arbeitete ich bei BOC - ein britischer Hersteller von Gasen - und  Umweltschutzgesetze gab es nur wenige, so dass die Firma das Beiprodukt Teer durch vergraben entsorgte. Überall in der Umgebung wurden tiefe Löcher gebuddelt, die dann mit flüssigem Teer gefüllt wurden. Der Regen verwandelte die Ablagerungslöcher dann in kleine, einladend aussehende Tümpel: doch wer darin badet oder gar hinein-köpfte, lebte wahrscheinlich nicht lange genug  um diesen Sprung zu bereuen.

Nachdem sie soviel Teer in die Gegend geschüttet hatten wie sie durften, musste die Firma an etwas anderes denken. Man Joe Dohertyentschloss sich, das klebrige Zeug zu verbrennen. Nicht etwa um die erzeugte Hitze zu etwas Nützlichem zu verwenden, sondern einfach nur um das Zeug los zu werden. Dies geschah in B1 - Boiler Numero 1. Der Apparat war ein Ungetüm, das dem Alptraum eines verrückten Ingenieurs entsprungen schien - primitiv, hässlich und sehr sehr praktisch. Die einzigen Teile dieser Maschine die nicht mit Rost bedeckt waren, versteckten sich unter einer dicken Schicht von Teer. An der Hinterseite der runden Brennkammer befand sich ein hoher Schlot, so dass das ganze Kunstwerk aussah, wie ein Entwurf des Adlaide Stevensons, bevor er seine berühmte 'Rocket' baute.

Normalerweise spuckte der Schlot riesige Mengen schwarzen öligen, Rauchs aus. Unter dem Schlot hing eine riesige, mit Zementblöcken beschwerte Klappe. Auf den ersten Blick war nicht ganz klar wozu sie dienen sollte, doch wenn man das stinkende Ungetüm lange genug beobachtete, wurde alles offenbart: B1 hatte die liebevolle Angewohnheit ab und zu zu explodieren. Zu viele Teerdämpfe versammelten sich hin und wieder - meistens wieder -  in der Brennkammer und die Sache explodierte dann wie ein besonders Tom Grumleyübel riechender Vulkan. Man hörte eine laute Explosion, die Klappe - ein Sicherheitsventil - schnappte nach oben, Flammen qualmten und loderten für einige Sekunde, Rauch und Schwefelduft und das Heulen der Höllenhunde erfüllte die Luft - die Klappe fiel wieder zu als ob nichts geschehen wäre - und man konnte plötzlich wieder die üblichen Geräusche der Freiluftanlage hören. Die Vorstellung war immer reiner James Bond:

"Boooom ..... booooom ..... whooosh .... clonck! ...... clack?"

Stirred, but not overly shaken!

Diese lauten Vorstellungen wurden so populär bei den Fans von B1 - die sich des Öfteren versammelten um eine Vorstellung zusammen zu genießen - das es dem Management peinlich wurde und eines Tages beschlossen sie, dass B1 abgeschafft werden musste. Der alte Boiler konnte nur Teer verbrennen - der neue Boiler sollte das Zeug nicht nur verbrennen, sondern mit der Hitze auch Dampf produzieren. Dies würde die Effizienz der Fabrik erhöhen und den Ingenieuren etwas zum Angeben geben. Aus historischen Gründen ließen sie B1 dort stehen wo er war und bauten B2 gleich nebenan. Ich glaube sie haben B1 nicht abgerissen weil dann ja Jemand das schmutzige Ding  hätte berühren müssen

B2 einwickelte sich in ein strahlendes, stromlinienförmiges Wunderstück, das von Edelstahl  nur so glänzte. Er hatte eine Steuerzentrale so vollgepfropft mit verlockenden Instrumenten, der vorgenannte Spion - sollte er einmal vorbeikommen -  hätte sogleich aus purem Neid zu seiner Sabotageausrüstung gegriffen. Die neue Anlage war gut durchdacht: um die Zahl der erwarteten Explosionen so gering wie möglich zu halten, wurde das Teer in einem Mantel von Dampf verbrannt. Das verringerte natürlich den Unterhaltungswert des Boilers, versprach aber den Betreibern - theoretisch gesehen - ein stilles und vor allen Dingen ein längeres Leben.

Die Gegend  war wochenlang voll von klugen Leuten. Sie trugen blitzsaubere, weiße Mäntel und noch viel weißereTom Pollock Schutzhelme - einige mit gelben Plastikbechern bestückt - und gaben einer ganzen Armee blau gekleideter Arbeitern ihre weisen Marschbefehle. Eines schönen Tages  war es dann so weit - B2 ragte aus dem Durcheinander wie ein metallenes Denkmal. Es wurde aber noch mehr geschuftet - Tommy Grumley und Tom Pollock (rechts zu sehen) wurden gebeten das Ungetüm zu verdrahten aber dann war es endlich so weit - B2 konnte endlich in Betrieb genommen werden.

Ich arbeitete als  Elektriker bei BOC und da ich erst vor kurzem von der Firma eingestellt worden war, gab man mir immer die Jobs zu tun, die kein anderer tun wollte. Eines schönen Tages hing ich von einem 10 Meter hohen Flutlichtmast, um dort die Glühlampe zu wechseln. Harte Arbeit, wenn man bedenkt dass der Teer alle Schrauben verdeckt und eingeklemmt hatte. Aber unwissentlich hatte ich mir einen herrlichen Aussichtspunkt ausgesucht von dem ich das folgende Drama aus göttlicher Perspektive verfolgen konnte.

Zuerst aber amüsierte ich mich damit einige Leute die mit einem großen Kran spielten, zu beobachten.

"Lower the jib"

schrie der Junge unten. Von hoch oben kam die verwehte Antwort

"Up or down ?"

Das ist zu irisch zum übersetzen.  Als ich in Richtung B2 blickte, bemerkte ich eine Gruppe heller Gestalten - schneeweiße Mäntel - weiße Schutzhelme - kein Becher in Sicht - die sich in Richtung B2 bewegten.  Jeder hatte  ein nagelneues weisses Clipboard unter dem Arm geklemmt. Ich sah gespannt zu als sie das Edelstahlprachtstück betraten und fand das Schauspiel zu faszinierend um mit meiner Arbeit fortzufahren.

Es vergingen einige spannende Minuten bis ich endlich eine kleine weiße Wolke bemerkte die von einem gespensterhaften Geräusch anlaufender Motoren begleitet wurde. B2 war zum Leben erwacht! Ich hatte mir gerade gedacht, dass all Dies viel zu lange dauerte und dass ich meine Arbeit nicht mehr länger warten lassen sollte, als der Boiler plötzlich von einer gewaltigen Explosion erschüttert wurde. Pechschwarzer Qualm strömte aus dem Schornstein und - zu meiner größten Freude - auch aus der Tür des Controlrooms. Ich hielt vergnügt den Atem an - und es kam genau so wie ich es erhofft hatte. Aus der schwarzen, übelriechenden Wolke taumelten die verblüfften Gestalten der Anschaltspezialisten - aber nicht mehr weiß und schön sondern schwarz und stinkig wie der Rauch, der sie vertrieben hatte. Ihre Mäntel, ihre Schutzhelme ihre Hände und Gesichter waren so schwarz wie frisch polierte Stiefel - sogar die Clipboards waren schwarz.

Drei ArbeiterDie verwirrte Schar beschäftigte sich mit einem kriegstanzähnlichen Management Ritual bei dem jeder laut Fluchen und Niesen musste, und verschwand dann in Richtung Verwaltungsblock - die Clipboards ließ man eins nach dem Anderen zurück.

All dies war so aufregend das B2 für zwei Wochen allein gelassen wurde - doch Reparaturmannschaften kamen natürlich und reparierten die meisten Schäden. Aber während dieser Zeit muss natürlich eine furiose Entwicklungsarbeit geleistet worden sein, denn nach zwei oder drei Wochen konnte der zweite Akt dieses Industriellen Dramas durchgeführt werden.  Zufällig hing ich wieder vom selben Mast um die andere Lampe zu reparieren aber als die glänzende Mannschaft wieder erschien - etwas weniger optimistisch aussehend aber noch immer voll von jugendlicher Zuversicht. Man bedenke jedoch - ein oder zwei Becher konnten auf einigen weißen Schutzhelmen bemerkt werden und B2 war offensichtlich nicht mehr so neu wie er es einmal gewesen war. Dies waren Warnzeichen eines Konzentrationsmangels, die nichts Gutes für das kommende Unternehmen bedeuten konnten.


Ich beobachtete sie, als sie den Control room betraten, mit angehaltenem Atem. Einige Minuten lang geschah nicht viel - schwarzer Rauch kam aus dem Schornstein - der Ventilator lief an - und dann war alles still und ruhig. Ich wartete stillvergnügt - sicher, dass die Vorstellung noch nicht zu Ende war. Es muss mehr als fünf Minuten gebraucht haben, denn ich scheine mich daran zu erinnern, dass eine glückliche Seele den Schauplatz verlassen konnte um ein Zettelchen fort zu tragen. Und dann war da plötzlich wieder ein Explosion. Fenster brachen, mein Mast wackelte, sodass ich meine Werkzeuge auf erschreckte Flüchtlinge fallen lies, die sofort in Ohnmacht fielen. Ich sah in Richtung B2 gerade zur rechten Zeit.  Dieses Mal war der Rauch schwefelig und gelb und war so dicht, dass man die kleinen Figuren, die ihn verursacht hatten, kaum sehen konnte. Ich hing da von meinen Mast und schüttelte mich vor Lachen - erwartete natürlich, dass die Gruppe der weissgekleideten Ingenieure nun dieser Hölle  gelbgefärbt von Kopf bis Fuß, entfliehen würden.


Da hatte ich mich allerdings geirrt - sie waren so schwarz wie zuvor.




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Two Tudors

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