Das Wirtshaus in Killarney

The west coast Vor vielen Jahren schleppten meine Frau Meg und ich meine Schwester Heide an der ganzen Westküste Irlands entlang; Heide wird gerne so behandelt. An dem Tag von dem ich rede, waren wir seit der Morgendämmerung auf unseren Beinen gewesen. Es war spät, wir waren müde , unser Gehirn war übervoll von Erinnerungen an die schöne Landschaft, durch die wir gefahren waren, und unsere Mägen waren leer: es wurde höchste Zeit, an eine Mahlzeit und ein Bett zu denken. Unglücklicherweise hatten alle Touristen in diesem Teil Irlands genau die gleich Idee gehabt - aber sie war ihnen früher als uns gekommen - und als wir endlich neben einem schönen Gasthof auffuhren, war er so voll gebucht wie all die anderen, die wir versucht hatten.

Wir müssen ein erbärmlicher Anblick gewesen sein, denn die Wirtin sagte: "Kommen Sie doch bitte rein. Sie können hier zu abendessen und ich werde versuchen Ihnen irgendwo zwei freie Zimmer zu finden während Sie essen."

Zu so einem Angebot kann man nicht nein sagen.

Das Essen war so wunderbar wie die Wirtin und es war schon gut nach neun Uhr, als wir sie endlich fragten, ob sie es geschafft hätte, eine Übernachtung für uns zu finden.

"Well" sagte sie, "ich habe da eine Freundin nicht weit von hier, die bietet 'Bed and Breakfast' an". Sie zögerte für einen Augenblick, dann fuhr sie fort: "Ich weiß nicht, wie gut die Unterkunft ist, aber sie hat haufenweise Platz".

Wir fragten uns leider nicht, warum die Freundin so viel Platz im Haus hatte, wenn dieses hier bis zum Dachboden hin voll war, bedankten uns bei der freundlichen Wirtin und baten sie, zwei Zimmer für uns zu bestellen. Wir zahlten für das ausgezeichnete Abendessen und freuten uns schon auf das letzte Abenteuer dieses langen Tages. Wir ahnten wenig, dass unser Hauptabenteuer noch gar nicht angefangen hatte!

Der Ort konnte nicht leicht gefunden werden und es war beinahe elf Uhr ehe wir ihn erreichten. Es war eine stockdunkle Nacht mit einem winzigen Band des neuen Mondes am Himmel, als wir endlich vor der alten, auf einem Hügel gelegenen Georgian Mansion auffuhren. Alte Bäume begrenzten die nahe gelegenen Felder, dunkele Zäune und Schuppen verkündeten dass dies eins eine Farm gewesen war.   A spooky owl

Es gab kein Außenlicht und die Fenster waren so dunkel wie das Haus, welches so gespenstisch und geheimnisvoll aussah, dass wir uns schon darauf freuten, herauszufinden, ob das Innere so gut wie das Äußere war. Gerade als wir anklopften, heulte eine einsame Eule: "Viel Glück, viel Glück". Verbunden mit dem Rauschen und Wehen der Bäume und einem entfernten aufmunternden Geschrei eines anderen nächtlichen Tieres, war es eine bemerkenswerte Vorstellung.

Während wir warteten flüsterte Heide: "Hier ist es ja so gruselig wie in einem Agatha-Christie-Roman. Das Einzige was fehlt, ist eine kleine verschrumpfte Frau, die die quietschende Tür aufmacht und flüstert: 'Was wollen Sie denn hier?'"

Meine Schwester hatte kaum ihre Prophezeiung beendet, als sich die Tür mit Hilfe urzeitlicher Angeln öffnete und den Umriss einer gekrümmten alten Frau sichtbar machte.

"Was wollen Sie denn hier?'" fragte sie mit ihrer besten Agatha-Christie-Stimme, "seid Ihr die Leute, die hier für die Nacht eingebucht sind?"

Wir unterdrückten einen heftiges Gruseln, versicherten ihr, dass wir genau die Leute waren und folgten ihr in das dunkle Haus. Mir ist natürlich klar, dass wir uns auf der Stelle hätten umdrehen sollen, um in einen der hohen Bäume zu klettern, um dort die Nacht in den bequemen Ästen zu verbringen - ich muss aber leider berichten, dass wir das Haus ohne weiteres Zögern betraten.

Es war so dunkel in der Eingangshalle, dass es schwierig war zu beurteilen, wie groß der Raum eigentlich war. Irgendwo hinten gab es einen großen Treppengang und ich sah die Schatten von alten Möbeln. Das meiste des vorhandenen Lichts kam von den glühenden Augen einer lebensgroßen Jesus-Statue: der angriffslustigste Christus, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Sein elektrischer Blick folgten mir überall hin und hätte die Eingangshalle dominiert, wenn es nicht einen riesigen gestopften Grizzlybären gegeben hätte, der in einer fernen Ecke hauste - mit erhobenen, zum Schlagen bereiten Tatzen und glühenden Augen, die noch hochwattiger waren als die des berühmten Judäers.

Beide zusammengenommen waren todeserschreckend!

Atemlos geworden blickten wir uns schweigend um. Was war dies für ein Ort? War es der Tempel einer unbekannten Kultreligion? Gehörte der Raum vielleicht einem Raubtierjäger? Das würde den glühäugigen Grizzlybären erklären, aber wie erlegt man einen Jesus?

Als unser Augen sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt  hatten, konnten  wir einige Ornamente an den Wänden ausmachen. Einige mottenzerfressene Teppiche führten zu einem prächtigen Kamin und die von Schatten versteckten Umrisse von Tierköpfen an den Wänden zeigten, dass es dem hiesigen Wild nicht besser ergangen war als dem Bären und seinem frühgeschichtlichen Gegner.

Diese beiden waren wirklich atemberaubend - selbst wenn man sie stundenlang bestaunte. Ich wandte meinen Blick nicht ab, bis ich über eine andere Trophäe stolperte, die jemand listig auf den Fußboden genagelt hatte. Zweifelsohne ein totes Schaf oder vielleicht sogar ein lebendiger Tiger!

Die alte Dame gestikulierte nach einigen Türen hin. Wir folgten ihr, um unsere Unterkunft zu inspizieren. Sobald Heide und die alte Dame von der Finsternis verschluckt worden waren, konnten Meg und ich untersuchen, was da so hinter der Türe lag.

Es sah - anders aus.

Im Zimmer waren nur zwei Möbelstücke - ein riesiges Doppelbett und ein eingebauter Schrank, der die ganze Hinterwand einnahm.

An Alpine valley Das Bett hatte eine Matratze, die mindestens hundert Jahre alt war. Sie hatte die Kontur eines Alpentales, von Bergen umringt - vollständig mit Ziegenhirt und was noch. In der Mitte - ungefähr an der Stelle des Dorffriedhofs - war ein großes tiefes Loch, das so aussah, als ob ein sehr schwerer Mann dort vor zig Jahren gestorben wäre und seine Leiche erst vor kurzem entfernt worden wäre.

Der Schrank war riesengroß. Was der Holzwürmer übrig gelassen hatten, sah wie Eichenholz aus. Es gab Dutzende von Schubladen und kleine Türchen - die alle schwer zu öffnen waren und nichts enthielten. Jedes Mal, wenn ich eine aufzwang - und ich öffnete sie alle - wehte ein uralter Geruch in das Zimmer, der mich an die Gruft im Dom von Speyer erinnerte - wo die Toten älter als tausend Jahre sind. War die Leiche des alpinen Ziegenhirten hier irgendwo versteckt? War er wirklich tot ?  Lebte er vielleicht noch ? Ist es möglich, den Unterschied zu riechen?

Der letzten Schublade entnahm ich eine rührende Broschüre, die den Reiz eines traditionellen irischen Bed-and-Breakfast Gasthofes verkündete. Dies verriet uns eines: mindestens ein anderer - vergesslicher - Gast hatte hier einmal übernachtet. Hatte er das überlebt oder war die Vertiefung im Bett von ihm? War er der Geruch im Schrank? War er Österreicher gewesen?

Als nächstes probierten wir das Bett.

Ein auf dem Rücken liegendes Dromedar - das mit allen vier klumpigen Hufen eine Bettdecke balanziert - hätte es vielleicht geschafft,  auf diesem Möbelstück die Nacht zu verschlafen, aber da es unmöglich ist, den menschlichen Körper so zu verdrehen, dass er in so ein Matratzenschlagloch passt, mussten wir den Versuch nach einigen Minuten aufgeben und versuchen, uns etwas Neues einfallen zu lassen, wobei wir nachdenklich unsere schmerzenden Rücken rieben.

Doch wir brauchten den Schlaf und so schob ich das Bett gegen eine Wand und zog die Matratze auf den karrenden Boden. Dadurch verschwand ein großer Teil des Alpentales. Wir legten uns nieder und hatten einen ziemlich rastlosen Schlaf, der oft von merkwürdigen Geräuschen, die aus dem Inneren des Hause kamen, gestört wurde. Ich träumte von altertümlichen Christen die in eine tödliche Schlacht mit einer Armee von glühäugigen Grizzlybären vertieft waren, die in einer Arena, die aussah wie ein Kleiderschrank abgehalten wurde - aber selbst im Traum wusste ich, dass das reiner Blödsinn sein musste.

Beim Morgenrot wachten wir steif und müde auf - ein Gefühl, das noch schlimmer wurde, denn wir mussten noch das Bett wieder in seinen Normalzustand versetzen.

Diese Matratze war wuchtig!

"Von nun an kann es nur noch besser werden" dachte ich und freute mich schon auf ein nahrhaftes irisches Frühstück : 'A full Irish breakfast'!  Eine Ansammlung  essbarer Dinge, die nicht unbedingt gesund, doch mindestens so groß wie jene alpine Matratze sind. Meine Schwester - als wir sie des Morgens trafen - sah total erschöpft aus. Es stellte sich heraus, dass ihre Zimmertür gleich neben der des Klos war, und eine Schar von seltsam verwirrten Menschen hatte die Nacht damit verbracht, die eine mit der anderen zu verwechseln.

Wir beschlossen dass, all dies so komisch war, dass wir  - so lange wir lebten - diesen seltsamen Ort niemals vergessen würden; wir sollten also einfach unsere letzten Minuten hier mit Galgenfreude genießen. Wir erahnten das Frühstück mit einer seltsamen Mischung von wehmütiger Vorfreude und delikater Furcht. Wir wurden nicht enttäuscht: es stellte sich heraus, dass das Frühstück ein turbulentes Crescendo im Finale einer sowieso schon über durchkomponierten Sinfonie werden sollte.

Ein  gutes Irish Breakfast besteht aus Orangensaft, Hafer-oder Werweißwasflocken, Spiegeleiern, gebratenem Speck, gebratenen Würstchen, Tee, Toastbrot, Butter und Marmelade; oft auch Soda Brot und all so anderen Dingen, die zu einem frühzeitigen Herzanfall führen können werden, freiherzig dazu gegeben. So ein richtiges Irish Breakfast bleibt mit einem bis zum späten Abend, obwohl es wahrscheinlich das Leben um mehrere Stunden - oder möglicherweise Jahre -verkürzt.

Unser Frühstück fing mit etwas verdünnten Orangensaft an, der von dem erwarteten Toast und Butter gefolgt wurde; es gab auch einen sehr guten Tee. Während wir da saßen und so vor uns hin mampften, watschelte ein sehr eigenartig aussehender Hund in das Breakfastzimmer. Es war schwer zu entscheiden, ob es ein Pudel oder ein Dobermann war, denn der Hund war unglaublich fett. Er war so dick, dass man sich wirklich wundern musste, wie es ein normaler Mensch fertig brachte, einen Hund so viel zu füttern, dass er einen solchen Durchmesser erreichen konnte. Die alte Frau kam mit einer Kanne frisch gemolkener Milch in den Raum.

Während wir die Milch über unsere Cornflakes schütteten und versuchten, ein schönes Knistern von den müden Dingern zu höhren, begann die alte Agatha eine höfliche Unterhaltung:

Wo ist das Euter? "Ich musste gestern den Tierarzt rufen" vertraute sie uns an "und es stellte sich raus das alle Kühe Mastitis haben."

Unbetroffen ignorierte sie unser betroffenes Schweigen und fuhr stolz fort: "Aber eine von ihnen ist noch okay. Sie mussten nur das halbe Euter abschneiden, der Rest funktioniert aber noch".

Diese Kuh nahm uns die Ruh'.  Wir wahren allerdings so tiefsinnig damit beschäftigt herauszusahnen was denn wohl 'Mastitis' sein möge,  dass wir  nicht viel über die Kuh trauerten. War diese alte Frau verrückt oder war dies nur ein fröhlicher Scherz?

Es war Zeit für die Würstchen. Wir besprachen gerade, was wohl 'Mastitis' sein möge und hatten beschlossen, dass es etwas Schlimmes war - doch nicht leicht ins Deutsche übersetzbar - als sie uns einen großen Teller mit Speck, einigen fettigen Spiegeleiern und einer ganzen Armee von rabiat aussehenden Würstchen vorsetzte.


Ich sah mir diese verdächtig aussehenden Objekte nur kurz an und beschloss dass ich mein Leben nicht schon wieder riskieren würde. Die anderen kamen zu einem ähnlichen Schluss. Die alte Dame verließ das Zimmer und stampfte in den Hof hinein: wir konnten durchs Fenster beobachten, wie sie ihren Weg durch Haufen von jahrzehntealten Naturdünger steuerte. Sie hatte diesen eigentümlichen Gang, den all die Leute entwickeln, die viel mit dem nicht Milch hervorbringenden Teil der Kuh zu tun haben.

Statt zu warten, um die unessbaren Würstchen zurückzugeben - sollten es wirklich Würstchen sein - beschloss ich, sie an den Hund zu verfüttern. Generationen von Gästen müssen das Gleiche getan haben, denn Meg und Heide sahen mich mit einem Blick an der sagte: "Prima Idee" und taten das Gleiche. Dies erklärt natürlich, warum das Geschöpf so dick war - wir hatten Heute wenigstens dies Eine errätselt.

Die alte Agathe kam plötzlich ins Zimmer zurück und rief ihren Hund. Wir mussten ihn einfangen, denn es hingen ihm drei Würstchen aus dem Maul und er konnte nicht schnell genug schlucken, um das Beweismaterial rechtzeitig zu beseitigen.

Da wir die Milch nicht getrunken und unsere Würstchen selbstlos an den Hund verfüttert hatten waren wir noch immer ziemlich hungrig. Doch der letzte Rest unseres Appetits verging vollständig nachdem die Dame des Hauses ihren letzten großartigen Auftritt gemacht hatte. Sie verkündete in einer resignierten - doch seltsam stolz klingenden Stimme:

"Ich war gerade im Stall! Jetzt hat die andere Hälfte des Kuheuters auch noch Mastitis gekriegt!"

Wir zahlten und rasten von dannen.


 


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