Die Mündung der Roe
  Eine Autobummel durch
die Gegend

oder auch

Wie mag es Flossie wohl gehen?
 
2. Teil: Immer abwärts nach Downhill

   1. Teil: Wir fahren zum Benevenagh
2. Teil: Sie stehen davor
3. Teil: Wir fahren zum Point
4. Teil: Über den Teich zum Deich
5. Teil: Wie mag es Flossie wohl gehen?


 
Unser Abenteuer setzt sich für mindestens fünf Minuten fort ohne dass unser Auto auch nur einen einzigen weiteren Kratzer bekommt. Wir haben jetzt eine Gegend erreicht, die in der Vergangenheit sehr schön und schattig war, aber heutzutage ist der Wald von Ballyhanna eine traurige Ansammlung von Baumstümpfen und anderen toten Überbleibseln ehemaliger Waldespracht.

Obdachlose Bussarde kreisen über einer traurigen Landschaft auf der Suche nach ihren Nestern, die der menschlichen Gier nach Spanplatten zum Opfer gefallen sind. Es wird mindestens drei Jahre dauern, bis das neue Grün diese Gegend wieder schön machen wird.

Als wir das Auto an der Straßenseite anhalten, stören wir einen Fasan, der sich im Gebüsch versteckt glaubte. Anstatt dort leise zu warten bis wir abfahren, rennt er wie ein Wilder, bis er Startgeschwindigkeit erreicht hat und segelt dann ins Tal, mit lauter Stimme  kreischend: "Shoot me! ....
Shoot me! .... Shoooot me!".  Offensichtlich ein englisch sprachiger Vogel. Wir befürchten, dass sein Wunsch wahrscheinlich erfüllt werden wird - wenn auch nur um dem Lärm ein Ende zu machen - und fahren schnell ab, ehe die Querschläger durch die Gegend sausen.
Wo ist der schöne Wald?  
Der Wald von Ballyhanna

 
On top of the mountain  
Aussicht von Oben
Als wir die Augen wieder öffnen, haben wir den höchsten Punkt der Straße erreicht und halten wieder an, denn Flossie hat einen gastrischen Notzustand erklärt.

Während Tudor sie zum nächstgelegenen Durchfallort treibt, ist es für uns an der Zeit, ein paar weise Worte über diesen Berg zu sagen. Eines ist selbstverständlich - Benevenagh ist ein gelungenes Werk der Natur. Wenn man den Berg von einigen günstig gelegenen Teilen des Tals sieht, gleicht er der Sphinx, denn Benevenagh hat - wie mancher berühmte Schauspieler - ein markantes Profil unter einem sehr flachen Kopf.

Ein Großteil des Berges ist ein Naturschutzgebiet.

 
Flossie scheint entleert zu sein, denn Tudor sieht sehr gelangweilt aus: es wird Zeit weiterzufahren. Wir pausieren nahe der Leighry Road, um erstens den Ausblick zu bewundern, und zweitens ein interessantes Verkehrszeichen zu studieren, welches uns mitteilt, dass nur zwei Meilen links ein unerwarteter Walsee zu entdecken ist.

"Die Angler hier angeln mit Stahltrossen statt Leinen" murmele ich hochachtungsvoll.

"Sushi und gebratenes Lamm - mit Rosmarin gewürzt" geifert Meg: "Das hört sich wie ein richtiges Mittagessen an!"

Nach so einer mundwässernden Rede müssen wir einfach nach links abbiegen.

Wir bewundern noch schnell die großen Fichten, die Küste von Donegal und die an Heimweh leidenden Bussarde, die noch immer über uns kreisen - als plötzlich ein:

Die Kreuzung  
Eine Kreuzung auf dem Berg Benevenagh

 
"Kuckuck - kuckuck - kuckuck" in unsere Ohren klingt.

Entweder wohnt hier ein Schweizer Uhrmacher, oder wir sind in das Territorium eines sehr monotonen Vogels eingedrungen.

"Kuckuck - kuckuck - kuuuuckuck".

Wir zählen die Rufe: ........ fünf,sechs ........ es ist allerdings schon zehn Uhr morgens. Man sagt, dass Schweizer Uhren sehr genau sind  - es muss also doch ein Vogel sein.

Wir heben Flossie in den Jeep, befehlen Tudor ihr zu folgen und biegen in die steile Leighry Road ab. Die Rechtschreibung dieser Straße ist sehr verwirrend, denn der Wegweiser unten im Tal sagt 'Leighery Road' und hier oben ist es nur noch 'Leighry Road'. Anscheinend ist dieses Stück Asphalt die einzige Straße in Ulster, die so steil ist, sie muss ein 'E' zurücklassen, um es nach oben zu schaffen.

Den Großteil des Waldes hat man hier abgeholzt, aber einige traurige Bäume stehen noch senkrecht. Als wir ein bisschen weiter unten gegenüber eines unerwartetem Hauses halten müssen, hören wir plötzlich den unmissverständlichen Klang eines Alphorns.

 
Christian und sein Alphorn  
Der Alphornist

"Buuum, buuuum, buuuuuuum" - "Kuckuck".

Es klingt wie entweder Strauß oder Brahms - wenn es nicht gar Bruckner ist; wir können das nicht entscheiden - macht ja auch nichts!

Die unbekannten Töne verursachen einen solchen Angstanfall in Flossie, dass  sie nahezu aus ihrer eigenen Haut springt. Dann rammt sie diem Seite des Autos mit so hoher Geschwindigkeit, dass sie eine kopfgroße Beule und zwei kleine Hörnchen-Löcher hinterlässt.

Alphörner sind sehr längliche Instrumente, wir müssen uns also im Wagen ducken um vorbeizukommen.

"Buuuum, buuuum! buuuuuuuum!" - "Kuckkuuuu...uuh.....uuuuuuh"
Hier wohnt also doch ein Eidgenosse.

 

Beim nächsten Wegweiser biegen wir links ab und fahren durch noch eine Baumstumpf-Landschaft. Warum lässt man nicht ein paar der Bäume stehen? Flossie bäht mitleidsvoll, weil es hier nichts zum fressen gibt. Tudor leckt sich das Maul, denn er sieht Flossie.

Eine steile Kurve bringt uns zum Benevenagh lake - ein kleiner künstlicher See. Die Klippe des Berges ist ungefähr 500 Meter entfernt, egal was auf dem Wegweiser steht. Für Leute, die eine Harpune, ein Stahlseil und einen großen Appetit auf Walfleisch haben, ist der See ein hoch willkommener Anblick. Macho aussehende Kerle bevölkern das Ufer - es gibt sogar eine Ecke für halbe Angler.

Two half anglers  
Der See auf Benevenagh mit zwei halben Anglern

 
Ein Segelflugzeug über Benevenagh  
Ein Segelflugzeug
Da es noch zu früh zum Mittagessen ist stören wir die Meeressäuger noch nicht, sondern machen stattdessen einen kleinen Spaziergang an der Klippe entlang. Die Aussicht ist wunderbar - so lange man sich daran erinnert, dass man sich ab und zu mal bücken muss, um die Segelflugzeuge vorbeizulassen.

Diese großen leisen Vögel benutzen den Auftrieb am Rande der Klippe, um in der Luft zu bleiben. Einige der Piloten scheinen nicht zu wissen, wo der Berg aufhört und wo der durchschnittliche Fußgänger anfängt, und so müssen wir für ein paar schmerzliche Meilen auf dem Bauch kriechen, um weiterzukommen.

 

Quergestellte Alphörner und segelnde Tiefflieger: Dies ist eine gefährliche Umgebung! Unter uns ist die Halbinsel Magilligan und am anderen Ufer des Lough Foyles sind die Berge von Inishowen. Die Aussicht ist wirklich fabelhaft!

Es mag Leute, die mit dieser Gegend nicht vertraut sind, interessieren, dass dies einer der wenigen Orte auf diesem Planeten ist, von dem man nach Westen blickten muss, um den Süden zu sehen. Aber genug von diesen geopolitischen Betrachtungen. Es wird Zeit zum Jeep und unserer Harpune zurückzukehren, so dass wir uns endlich ein Mittagessen angeln können.

Am Parkplatz ist in unserer Abwesenheit wieder einmal viel geschehen. Dieses Mal hat Flossie zwei Löcher in die andere Seite des Wagens gebohrt und sie scheint sich ob der extra Luft, die über ihre Hörnchen weht, zu freuen. Der Grund ihrer plötzlichen Ängstlichkeit wird uns klar, sobald wir den angeschlagen aussehenden Gentleman in Pilotenuniform auf dem verbeulten Dach unseres Autos bemerken. Bruchstücke seines Segelflugzeuges liegen überall herum und erschweren uns das Nähern. Ein großer Messinglöffel - wie er von Anglern benutzt wird - baumelt von der Nase des bruchgelandeten Seglers und ist mit einer starken Nylonleine mit der oberen Hälfte eines wild aussehenden Anglers verbunden, der gerade aus dem Wasser steigt: voll ausgerüstet mit Netz und einem riesigen Knüppel.

"Der hat noch nicht mal eine Harpune gebraucht" murmele ich neidisch, während ich den Anblick genieße.

Wir verscheuchen den leicht betäubten Piloten vom Dach unseres Jeeps, knirschen über die Überbleibsel des Segelflugzeugs, entbieten dem siegreichen Angler ein vergnügtes 'Petri Hals und Beinbruch' und machen uns, ohne Mittagessen und noch nicht mal im Besitz eines Walknochens vondannen. Gerade, als der ungewöhnliche Tatort hinter uns verschwindet, hören wir aus der Ferne den seemännischen Ruf:

"Thar' she blows!"

Da hat doch wirklich jemand unser Mittagessen erwischt!

"Ich hoffe, er erstickt daran!" sagt die immer gefühlvolle Meg.

 Wenig später erreichen wir wieder die Bishops Road und biegen links nach Downhill ab. Die Straße ist so eng, dass zwei Autos kaum aneinander vorbeifahren können - und das nur, wenn beiden Fahrern ein paar kleine Kratzer nichts ausmachen. Uns kümmert es wenig, denn wenn Alles so weiter geht wie bisher, wird unsere Karre sowieso nur noch für ein paar Stunden funktionieren.

 
Wo ist der Löwe?  
Magilligan mit Donegal und dem Atlantik.
Abgesehen von engen Straßen, gibt es hier auch noch andere Gefahren, denn viele Fahrer sind in die Aussicht auf Kosten der Aufmerksamkeit vertieft. Dies erklärt natürlich auch, warum uns das nächste Auto beinahe über die Böschung kippt.

Wir kommen nahe der Tircreven Road wieder zum Vorschein. Das Auto ist von etwas Farbe befreit worden und das Trittbrett scheint plötzlich  kleiner zu sein - kein Problem, wir wollten ja sowieso niemanden treten.

Tircreven Road ist noch steiler als die Leighrey Road und nur die Götter wissen, wie viele 'E's' der Name unten im Tal hat, um hier oben noch zwei übrig zu haben.

Unten im Tal sehen wir das  Gefängnis von Magilligan - sehr hässlich! Flossie kriegt wieder einmal Angst eingejagt, als sie einige ihrer Artgenossen sieht, die so aussehen, als ob ein Löwe sie gerade angefallen hätte. Wahrscheinlich gehören sie einem Bauern der eben so viel Humor wie rote Farbe hat.

 
Nächstens rasten wir am Gortmore Aussichtspunkt, von wo aus man eine großartige Aussicht auf die Klüfte des Benevenagh, die Mündung der Roe, die Halbinsel Magilligan, Lough Foyle und sogar aufs ferne Derry hat. Gegenüber sind die Berge von Donegal.

Bedauerlicherweise kann man auch die Wohnwagensiedlung von Benone sehen, die eine hässliche Narbe in die Landschaft schneidet.

Oberhalb des Aussichtsplatzes hat der Britische Automobilclub eine kleine Bronzetafel aufgestellt, in die eine Karte mit den gegenüberliegenden Bergen geätzt ist.

Da gibt es Croaghconnellagh und Croaghnageer, Croaghnacraddy und Croaghnamaddy, tatsächlich eine endlose Anzahl von monotonen 'Croaghs' gefolgt von rein zufälligen Anordnungen anderer Geräusche. Ich habe es vielleicht schon einmal erwähnt: Einheimische wissen wirklich, was man mit Wörtern so alles tun kann. Ich kann nur versichern, dass die Berge viel schöner aussehen als sie klingen.

Meg stöhnt: "Das muss ich malen", greift hurtig zu Öl und Pinsel und verbringt die nächsten zehn Minuten damit, den Anblick der Nachwelt zu erhalten.

Blick von Gortmore  
Croagh Benevenagh vom Croagh Gortmore Aussichtspunkt gesehen.

Ölgemälde von Margaret Lueg

 
Der Palast des Bischofs und Mussenden Tempel  
Bishops Road mit Mussenden Tempel links, der Palast rechts und Portrush im Hintergrund
Weiter geht's mit unserer abenteuerlichen Odyssee. Von hier an ist es eine Abfahrt nach Downhill. Wir können bald die Ruine des bischöflichen Palais und den schönen Mussenden Tempel sehen. Portrush, der Fluss Bann und die Causeway Küste bilden den blauen Hintergrund.

Bischof Hervey, Graf von Bristol, war ein toller Kerl - dieses glaubten jedenfalls seine Zeitgenossen - und einige seiner Gebäude haben etwas von diesem Ruf erhalten. Bristol war weit gereist und viele 'Hotel Bristol' auf dem Festland erinnern noch an einen seiner Besuche. Warum er so viel reiste, wenn er doch hier so schön wohnte, weiß ich leider nicht.

 Sein großer Palast ist nun eine Ruine, doch Mussenden Tempel - ein römisch aussehendes Stück viktorianischer Querdenkerei - klammert sich noch so gerade eben am Felsenrand fest. Die schöne Straße, auf der wir  fahren, wird 'Die Bischofsstraße' genannt, weil der große Mann sie bauen ließ.

 
Einige steile Kurven, die durch hohe Felsen - und von hoch oben zum Meer hinunter führen, bringen uns zum Strand von Downhill. Dieser ist mit dem beach von Benone verbunden - zusammen bilden sie einen der längsten Sandstrände Europas.

Der Leser muss allmählich gemerkt haben, dass die Einheimischen hier gut mit Buchstaben umgehen können, aber die Person, die diesen Ort 'Downhill' nannte, war ein heimlicher Meister der Kunst des Offensichtlichen. Downhill bedeutet auf Deutsch 'Unten am Berg', 'Abwärts' oder sogar 'bergab' aber auch 'Abschuss Rennen', wie man es in den Alpen mit einem Paar hölzerner Bretter an den Füssen tun kann. Mit dem Schifahren wird es hier allerdings nichts, denn obwohl es viel Holz und Sägen fürs Bretter machen gibt, bleibt der Schnee meistens aus.

Dieser kleine Fleck, der übrigens nicht mehr zum Kreis Limavady gehört, ist ein seltsamer Ort. Er ist inmitten einer spektakulären Landschaft, wird von dem wunderbaren bischöflichen Liebesnest überschaut und sieht trotzdem total vergammelt aus. Die Mitte des Ortes ist ein Baustelle und der ehemalige Parkplatz ist nun ein abgezäunter Abfallplatz. Viel mehr gibt es hier eigentlich nicht zu sehen und da es im Ort keinen Parkplatz gibt, parkt jeder am Strand.

Unten am Berg  
Hier geht's Bergab

 
Auf dem Strand  
Der Strand von Downhill

Wer braucht Schneebretter, wenn er auf einem  schönen Strand wie wild mit dem Auto rauf und runter rasen kann? Eine wunderschöne Idee. Wir gesellen uns zur Herde, steuern unser zusammenfallendes Gefährt in Richtung Sand und geben Gas.

Wir fahren an einigen ärgerlich aussehenden Badende vorbei, die tollkühn versuchen ans Wasser zu kommen - vergebens, denn der Verkehr ist viel zu stark. Das ist ja unfassbar - Leute kommen ans Meer um zu baden - unglaublich!

Während der nächsten zehn Minuten rasen wir am Strand rauf und runter und saugen die herrlichen Auspuffgase in die vollen Lungen. Seeluft ist doch immer so gesund!

Plötzlich hören wir ein fernes Grollen. Eine Riesenwelle - die so aussieht als hätte eine Delfinflosse sie einen halben Planeten  entfernt
 verursacht - braust ums Auto herum. Wasser spritzt durch die von Flossie gebohrten Löcher, das Auto schwimmt für ein paar köstliche Sekunden - wir haben gerade genug Zeit, um schnell seekrank zu werden - und die Flut verschwindet so schnell wie sie kam. Mit ihr verschwindet unser Ersatzrad. Na gut - wer braucht denn schon fünf Räder?

 
Da es ziemlich sicher ist, dass unser Auto ein zweites chaotisches Ereignis nicht überleben wird, kehren wir in Richtung Ausgang um und bewundern noch einmal die schönen, tempelgekrönten Felsen. Gerade als ich rechts abbiegen will, schreit Meg: "Halte was vom Auto übrig ist an! Das muss ich malen."

Von unterhalb Flossie und unserem noch nicht berührtem Picknick, zieht sie Pinsel, Leinwand und drei oder vier Farben und beginnt damit die Szene der Nachwelt zu übertragen.

Sie ist wieder in voller Form und 42 Sekunden später - mit dem Geruch verschiedener trocknender Farben im Seewind - fahren wir weiter. Ein schönes Gemälde, nicht wahr?

Als wir hinausfahren, hören wir ein komisches Knirschen von unterhalb des Autos und gelbe Stückchen Glasfaser fliegen in alle Richtungen. In unserem zersprungenen Rückspiegel bemerke ich eine ferne, mit Tauchanzug bekleidete Figur, die die Arme wild umher schwenkt.

"Was der wohl will?" wundere ich mich.

"Vielleicht leidet er an einem Krampf" sagt die mitfühlende Meg, als wir abfahren.

 
Der dritte Teil dieser erstaunlichen Erzählung

Megs Gemälde

Mussenden, Downhill -Ölgemälde von Margaret Lueg


 

Flossie the lamb  
 
Fortfahren